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Folge 8: Borolis Traum vom Barolo, eine piemontesische Novelle

Autor: Roland Graf alias Bustine di bacco am 20.02.2018

Bustine di Bacco - Herrn Grafs italienische Trinknotizen
FOLGE 8 -BOROLIS TRAUM VOM BAROLO, EINE PIEMONTESISCHE NOVELLE

Achille Boroli zu Gast in Wien

Ein neues Weingut im Barolo-Gebiet zu starten, ist aktuell ungefähr so utopisch wie der bemannte Mars-Flug. Die Claims sind seit langem abgesteckt, die piemontesischen Familien - ob sie sich lieben oder eher nicht so - haben ihre Lagen im Griff und warten nicht auf Quereinsteiger. Und wenn sollten das eher Millionäre sein beim aktuellen Weingarten-Preis pro Quadratmeter, der anderswo getrost für ein Reihenhaus-Siedlungs-Grundstück reicht. Achille Boroli allerdings stieg noch rechtzeitig ein, sein Weingut feiert heuer das 20-jährige Bestehen und hat noch mit der "Brunella" eine der wenigen Monopollagen des Barolos aufzuweisen. Seine zweite Lage (und das ist definitiv nicht qualitativ zu verstehen) heißt "Cerequio". Kenner wissen, dass der Newcomer sich dieses legendäre Stück Weinland mit Berühmtheiten wie Roberto Voerzio oder Angelo Gaja teilt.

Signore Boroli lebt also seinen Traum, zumal er - dank des familiären Kleingelds aus dem Verlagshaus de Agostini - auch eines der Top-Restaurants der Region sein Eigen nennt. In der "Locanda di Pilone" ist das Ziel Federico Gallos der zweite Michelin-Stern. Und auch hier, hoch über Alba, geht es um den Barolo. "Der Wein braucht Essen geradezu", hat es Boroli in dem Buch formuliert, das seinen Traum von der piemontesischen Genuss-Autarkie am besten zusammenfasst: "Brunella - Birth of a Barolo Cru".

Verkostung Barolo mit Barolomenü Boroli

Brunella und das Geheimnis der Haselnuss
Verkostet aus der erwähnten Monopol-Lage wird der 2013er, es ist gleichzeitig der jüngste Wein, der bei der Boroli-Probe in Wien gereicht wird. "Brunella 2013" duftet nach jugendlicher Brombeere und gerösteten Mandeln. In diese Gerüche mischt sich weißer Pfeffer. Doch das ist erst der Beginn: Je mehr Luft der Wein bekommt, desto eher erinnert er auch an schwarze, eingelegte Nüsse.

Dass dieser Eindruck nicht täuscht, zeigt eine nussige Ader im Kostschluck, die sich um eine insgesamt herb würzige-säurige Art schlängelt. Preiselbeeren beschreiben diesen Eindruck am besten, denn auch der Säurebogen ist ausgeprägt und frischt im Abgang nochmals auf. Das Mundgefühl ist trotz der Frische recht cremig, die relativ zugängliche Art überrascht. Allerdings wird man in vier Jahren (oder so um den Dreh) noch mehr Spaß mit dem dann noch balancierten Brunella haben.

Die Menüfolge Gallos leitete der Barolo "Classico" aus dem Jahrgang 2010 ein. Ein Rotwein, der von der puren Würze zehrt. Schon im Duft sind da Kerbel und Thai-Basilikum, dazu auch Kakao und Vanilleschote zu bemerken. Der Umschlag dieses Barolo in Richtung ätherisches Geschmacksbild erfolgte bereits: Die Aromen am mittleren Gaumen sind fein gesponnen, sodaß die Noten von Erdbeere und Himbeere nur fein hingetupft wirken wie ein Wein-Aquarell. Saftige, aber niemals plump wirkt dieser Auftakt. Dem steht zum Vergleich der Barolo "Classico" 2012 gegenüber, dessen Geruch schon eine "fettere" Art signalisiert: Rumtopf-Erdbeeren, Nougat und Haselnusscreme (Achille Boroli erwähnte zuvor "Nutella" als piemontesisches Erzeugnis, vielleicht liegt da die Quelle der Assoziation). Der Eindruck am Gaumen ist deutlich frischer, hier ist die Säure noch sehr betont, auch eine an Blut erinnernde Eisen-Note kommt in dem jugendlichen Barolo durch. Sein Geschmack baut sich erst auf, nicht nur im Mundgefühl, das immer intensiver wird und am Ende vom Gerbstoff beherrscht wird. Warten ist angesagt bei diesem Jüngling.

Als hätte er den Gedankengang gehört, gibt der Weingutseigner einen guten Rat: "Manchmal ist es besser, Barolo mit Leuten zu kosten, die ihn noch nicht kennen". Denn zu viele "Kenner" hätten ihr Bild des weltberühmten Nebbiolo bereits fix fertig im Kopf. Wenn dann Gerbstoff und Säure einmal nicht gleich da sind, wird also gleich Zeter und Mordio geschrien. Das passierte am Tisch etwa beim Jahrgang 2003, den Boroli mit seinem Österreich-Importeur Gerhard Kracher entkorkt. Es ist ein herrlicher Wein, aber immer noch vom Holzeinsatz der frühen Jahre geprägt. Diesen Stil wollte man nicht mehr, weshalb man auch beim Winemaker auf einen Wechsel setzte, kommt kurz der strenge Manager in Boroli durch. Es mag kein Idealbild eines Barolos sein, aber in der Topliga italienischen Rotweins vermag sich dieser gerade öffnende Wein locker zu behaupten.

Wien Verkostung Barolo Boroli Roland Graf

2012, einmal für Ungeduldige, einmal für Buddhisten
Bevor die große Diskussion ausbricht, widmen wir uns aber dem "Centerpiece" der Verkostung, dem Barolo Cerequio 2012. Hier kommen die Preiselbeeren im Duft durch; reife Noten wie Steinpilz, aber auch grüner Pfeffer sind zu notieren. Der Wein kommt vom "linken Ufer" von Alba, dem man gemeinhin größere Zugänglichkeit attestiert. Hier äußert sich das in einer betont saftigen Art, die Aromen (fleischige Erdbeere vor allem) sind plakativer, auch das Tannin ist noch deutlich. Aber auch blind würde man diesen Wein in der Sekunde nach Italien verorten. Er ist "juicy" und dunkel zugleich - und das alles bei einer jugendlich-frechen Tannin- und Säurestruktur.

Wer nicht warten mag, hat mit dem 2012er jetzt schon einen alltagstauglichen Wein, der etwa zu dem gereichten Fassone-Rind bestens passt. Das saftige, nur leicht gewürzte Schmorfleisch stellt fast einen Spiegel dieses Barolo dar.

Der Barolo "Villero" wiederum erweist sich als Wein für Einsteiger in diese Spezialität des Piemonts. Der Jahrgang 2012 hat mit 14% Alkohol Kraft, die sich auch in der Nase äußert. Schwarzer Pfeffer, Erdbeeren und eine satte Dosis Milchkaramell stehen hier zu Buche. Süß und zugänglich beginnt der "Villero" 2012 im Mund. Roter Apfel, wieder die Erdbeer-Note des Haus-Stils, weiße Schokolade und ein zurückgenommenes Tannin (das wird etwa im Vergleich zum "Classico" des gleichen Jahres deutlich!) stehen für einen zugänglichen Wein. Auch dass dieser Barolo den Alkohol gut versteckt - im Finish dann vor allem hinter einer schönen kräuterwürzigen Note - trägt zu diesem Eindruck bei.

Roland Graf verkostet Barolo von Boroli

Eine Salsa namens Villero: Barolo und Käse
Der Kontrast könnte nicht größer sein zum zweiten Wein des Flights. Er stammt ebenfalls aus den Anfangstagen von Borolis Traum: der "Villero" 2003. Damals verließ man sich noch mehr auf externe Berater, die eben viel Holz in der Hütte, respektive dem Keller, haben wollten. Doch erneut steht mit den Jahren, die den Barolo geschliffen haben, ein beeindruckender Wein vor uns. Federico Gallo reicht dazu Hartkäse von Altmeister Beppino Occelli, der ihn 18 Monate "in foglie di Castagno" (Kastanienblättern) reifen ließ. Die Aromen der gekochten roten Früchte beim 2003er, in die sich auch etwas rote Rübe mischt, passen zum salzig-süßen Käse mit der cremigen Textur schlicht kongenial. Wenn man will ist dieser Wein die Luxusvariante einer "salsa agrodolce" zum würzigen Piemonteser Käse. Rund und in sich ruhend ist dieser Barolo, der mit seiner rotbeerigen Art und dem immer noch zart dahinter "lauernden" Gerbstoff einen seriösen Wein darstellt, der vielleicht nicht die heute gefragte Feingliedrigkeit der Boroli-Selezione aufweist. Im Moment allerdings gefällt der fruchtsatte Wein durchaus. Grazie, Achille, bravo, Federico!

Wo bekomme ich das?
Alle Weine sind bei "Kracher Fine Wine" erhältlich: Borolis Barolo-Cru "Brunella" 2013 kostet EUR 109,00, der Barolo "Cerequio" 2012 EUR 99,90; der Barolo "Villero" 2012 ist um EUR 99,90 erhältlich und der Jahrgang 2003 des "Villero" um EUR 119

 

Schlagworte:
Barolo, Piemont
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Christoph Cecerle macht vor keinem fahrbaren Untersatz halt und hält sich dabei ausnahmslos an italienische Fabrikate. Ob im Rennsportsitz eines Abarth, auf dem Sattel einer Moto Guzzi oder Vespa oder verdecklos im Cinquecento, der Mann testet alles, war zwei bis vier Räder hat.

Seine Testberichte sind derart genussvoll, daß ich nicht anders konnte, als ihn auf italissimo.at einzuladen. Wer mehr von ihm lesen will, dem sei sein Blog mipiace.at ans Herz gelegt, wo es auch schon einmal um Mode und Genuss im engeren Sinne gehen kann.

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Roland Graf im Blog auf italissimo- Bustine del bacco

Bustine di bacco

„Bustine di Minerva" hieß Umberto Ecos langjährige Kolumne und frech strich Roland Graf die Göttin des Herdes und ersetzte sie für die neue „italissimo"-Kolumne durch den Gott des Rausches. 

Der Autor (im Bild von Ch. Barz vor den besagten Bustine abgelichtet) sagt damit gleich auch etwas über sich: Er ist studierter Philosoph und Philologe (daher die Eco-Hommage!), vor allem aber Reisender in Sachen Getränken. 

Stand zu Beginn vor allem die Berichterstattung über Winzer im Mittelpunkt, erweiterte sich der Schwerpunkt seiner Artikel - in „Mixology", „A la Carte", der ÖGZ sowie dem WIENER - auf die Themen Bier und Bars. 

Nachzulesen, neben dem Italien-Blog Ihres Vertrauens, ist das auch alle zwei Tage aktualisiert unter www.trinkprotokoll.at.